"Ich habe genug"

Erstes Frauenmahl in Letmathe

„Es war das zweite Frauenmahl im Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn, aber das erste in Letmathe!“, freute sich Veranstalterin Pfarrerin Ruth Hansen, Frauenreferentin im Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn.

Sie hatte, zusammen mit einem breiten Frauen-Bündnis, das Frauenmahl am Freitag, 17.04.2015 organisiert. Superintendentin Martina Espelöer begrüßte die 130 Frauen in der festlich gestalteten Friedenskirche in Letmathe. Viele der Teilnehmerinnen hatten schon von der erfolgreichen Veranstaltungsform „Frauenmahl“ gehört oder gelesen und wollten nun die Gelegenheit nutzen, selbst einmal dabei zu sein. Das Thema des Frauenmahls lautete: „Ich habe genug…“. Vier Rednerinnen aus Politik, Gesellschaft, Kirche und Kunst waren eingeladen, die unterschiedlichen Facetten, die das Thema eröffnet, gedanklich zu entfalten. Erste Rednerin sollte die Autorin des Buches „Glasknochen sucht Therapiehund“, Marianne Metta, sein. Aufgrund einer Erkrankung konnte sie leider nicht persönlich anwesend sein, so dass ihre Rede verlesen und ein Foto von ihr eingeblendet wurde. Ihr Statement „Ich habe genug!“, im Sinne von „Mir reicht es!“, machte deutlich, dass Inklusion im Kopf beginnen muss. Marianne Metta, die aufgrund der Glasknochenkrankheit im Rollstuhl liegt, plädierte dafür, Stigmatisierungen, wie z. B. das Wort „Behinderung“ aufzugeben und stattdessen Inklusion für alle Menschen zu ermöglichen. Inklusion bedeute nicht nur Rollis und Rampen zu bauen, sondern den Abbau von Vorurteilen und Zuschreibungen im Kopf anzugehen – schon im Kindesalter.

Als zweite Rednerin war Dagmar Freitag eingeladen. Sie ist Politikerin und Mitglied des Deutschen Bundestages. Sie sprach zu dem Aspekt „Habe ich genug Einfluss? Politik zwischen Macht und Ohnmacht“. Als Politikerin verfüge sie über die Macht des Wortes, mit dem sie versuche, andere von einer solidarischen Gesellschaft zu überzeugen. Manchmal gelinge ihr es Einfluss zu nehmen, manchmal seien die Widerstände zu groß und sie müsse politische Kompromisse schließen. Hin und wieder wünsche sie sich mehr Einfluss und Macht, wenn sie z. B. von den Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer höre oder von der unvorstellbaren Gewalt durch islamistische Terrorgruppen. Generell sei sie aber froh, dass das politische System in Deutschland die Macht verteilt und sich der Staat selbst kontrolliert. Denn zu einer einseitigen Machtausübung, wie es in der deutschen Vergangenheit schon einmal war, dürfe es nicht wieder kommen.

Angeregt durch die pointierten Reden, kamen die teilnehmenden Frauen miteinander ins Gespräch und diskutierten u.a. über eigene Erfahrungen mit Inklusion z. B. an Schulen und den Möglichkeiten des eigenen politischen Engagements. Musikalisch gerahmt wurde der Abend durch Querflöten- und Klaviermusik des Frauentrios „Schöne Töne“. Genug zu essen gab es auch. Ein mehrgängiges, vegetarisches Buffet, das durch das Hotel Nieder in Ostwig zubereitet wurde, eröffnete neue Geschmackserlebnisse, von denen frau nicht genug bekommen wollte. 35€ kostete eine Karte für das Frauenmahl, inklusive 4-Stunden Programm, Speisen und Getränke. „Wir wissen, das können sich nicht alle leisten.“, so Beate Jarzombek von der Beratungsstelle der Netzwerk Diakonie Mark Ruhr. Deshalb haben die Organisatorinnen in der Einladung zum Frauenmahl auf die Möglichkeit hingewiesen, eine Patinnenschaft zu übernehmen und so einer anderen Frau, eine Karte zu finanzieren. Zudem gab es ermäßigte Karten für Geringverdienerinnen. „Barrierefreiheit muss auf verschiedenen Ebenen stattfinden“, so Beate Jarzombek, „das fängt bei Vergünstigungen im Eintrittspreis an, geht aber weiter in der Verwendung leichter Sprache bis hin zu einer Atmosphäre des Willkommen- und Angenommenseins.“ Und genau das haben die Organisatorinnen sich zum Ziel gesetzt. So wurden die Reden der Tischrednerinnen im Vorfeld in leichte Sprache übersetzt und per Beamer projiziert. Ziel bei der Verwendung von leichter Sprache ist es, einfache Sätze zu bilden, die Aussage mit Bildern zu unterstreichen, Fremdwörter zu vermeiden und so eine größere Teilhabe von Menschen zu ermöglichen. Die Übersetzung wurde dann von Menschen mit Beeinträchtigungen geprüft und für gut befunden. So konnten u.a. auch die 15 Frauen aus dem Umfeld der Beratungsstelle der Netzwerk Diakonie den Inhalten der Reden barrierefrei folgen. „Wir haben bei der Vorbereitung des barrierefreien Frauenmahls nach neuen Wegen der gerechten Teilhabe gesucht, so dass am Ende alle genug haben“, so Christiane Dietz, Dekanatsreferentin für Jugend und Familie im Dekanat Märkisches Sauerland und eine der Moderatorinnen des Abends.

Die engagierteste Rednerin des Letmather Frauenmahls war die 78-jährige Sr. Lea Ackermann, Gründerin und Vorsitzende des Vereins SOLWODI- Solidarität mit Frauen in Not. Sie plädierte in einer flammenden Rede, geprägt von ihren bedrückenden Erfahrungen einer Keniareise, für die Abschaffung der Prostitution in Deutschland, die globalen Frauenhandel fördere und die Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft weiterhin festige. Sie lud die Teilnehmerinnen ein, sich an einer Unterschriftenaktion zu beteiligen, der auch viele folgten. Einen clownesken Abschluss mit klugen Gedanken zum Thema „Ich habe genug…“ inszenierte Gisela Matthiae, Clownin und Theologin. In ihrer Rolle als Adele Seibold lehnte sie sich entschieden gegen das derzeitige gesellschaftliche Frauenbild, der immer fitten, sportlichen, fröhlichen Frau, die jede Herausforderung mit Leichtigkeit meistert und nie gut genug sein könne.

Mit einer Praline und dem Lied „Die Gedanken sind frei“ endete das anregende Frauenmahl. Superintendentin Martina Espelöer dankte der Gleichstellungsstelle der Stadt Iserlohn, der Beratungsstelle der Netzwerk Diakonie Mark Ruhr, dem Dekanat Jugend und Familie Märkisches Sauerland, dem Frauenreferat der EKvW, dem Frauenreferat und -ausschuss des KK Iserlohn und regte an, die gelungene Kooperation für die Planung eines weiteren Frauenmahls zu nutzen.

Impressionen vom Frauenmahl 2015 in der Friedenskirche in Letmathe

Frauenmahl 2013

Erstmals gab es im Evangelischen Kirchenkreis ein Frauenmahl (24. Mai 2013) - mit gutem Essen in angenehmem Ambiente. Anregende Vorträge und Gespräche waren garantiert.

Die Redebeiträge stehen demnächst unter www.frauenmahl.de zum Nachlesen bereit, den Beitrag von Superintendentin Martina Espelöer gibt es hier.

Video vom Schwerter Frauenmahl

Bilder vom Schwerter Frauenmahl 2013